10. Ethiktag der Universitätsmedizin Magdeburg
Donnerstag, 19. Juni 2025
DZNE e. V. (Haus 64)
Mit Demenz im Krankenhaus – ethische Herausforderungen und mögliche Hilfen
Ein Krankenhausaufenthalt ist für Menschen mit der (Neben-)Diagnose Demenz und ihre Angehörigen eine besondere Situation. Herausgerissen aus der vertrauten Umgebung ist es für die Erkrankten kaum möglich, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden und in die bestehenden Strukturen einzufügen. Klinikmitarbeiter werden bei der Behandlung und Versorgung von Demenzbetroffenen mit zahlreichen praktischen wie ethischen Herausforderungen konfrontiert. Lassen Sie uns im Rahmen des 10. Ethiktages der UMMD gemeinsam überlegen, wie trotz Demenz ein Krankenhausaufenthalt für alle Beteiligten gelingen kann.
Der Ethiktag richtet sich an Klinikmitarbeiter verschiedenster Berufsgruppen und Bereiche sowie an Betroffene, Angehörige und Betreuer. In Workshops und Vorträgen werden theoretische Grundlagen vermittelt, grundlegende Fragen angesichts des Umgangs mit Demenzbetroffenen diskutiert und alltagstaugliche Hilfen erarbeitet. Infostände und Firmenausstellungen laden in den Pausen zum Verweilen ein. Die Teilnahme an allen Programmpunkten ist kostenfrei.
Wir freuen uns auf Ihr zahlreiches Erscheinen!
Prof. Dr. phil. Bettina Hitzer (Vorsitzende)
Dr. med. Anna Siemens (Geschäftsführerin)
Klinisches Ethikkomitee (KEK) der Universitätsmedizin Magdeburg
Programm
Präkonferenz-Workshops (in Präsenz)
12.45–13.30 Uhr oder 14.00–14.45 Uhr
Plötzlich kopflos – Delirzustände vorbeugen, erkennen und behandeln
Tim Küster, B. Sc. und Antje Staufenbiel
Viele demenzbetroffene Erkrankte, aber auch solche Patienten, die vorher als hirngesund galten, sind gefährdet, im Verlauf eines Krankenhausaufenthaltes ein Delir zu entwickeln. Ein Delir ist ein plötzlich auftretender Verwirrtheitszustand, der oft vorübergehend ist, mitunter jedoch sehr lange anhalten und im Koma enden kann. Neben einem erhöhten Verletzungsrisiko und einer längeren stationären Aufenthaltsdauer hat ein Delir auch langfristige Folgen, so bspw. ein höheres Risiko für Pflegebedürftigkeit nach dem Krankenhausaufenthalt. Ein deliranter Zustand ist somit eine bedrohliche Situation, die schnelles Eingreifen erfordert. Da ein Delir sich sehr unterschiedlich äußern und diverse Ursachen haben kann, ist es allerdings nicht immer leicht zu erkennen.
Im Workshop erfahren Sie, wie deliranten Zuständen vorgebeugt werden kann und wie sie sich zuverlässig erkennen und behandeln lassen. Wir stellen eine Vielzahl an Maßnahmen vor, die in den Tagesablauf der Patienten integriert werden können, um ein mögliches Delir zu vermeiden und sensibel mit den Betroffenen im Klinikalltag zu interagieren. Die Dozenten schöpfen dabei aus ihren Erfahrungen im Delirmanagement des Intensiv- und Intermediate-Care-Bereichs. Zudem bekommen Sie Einblick in das Konzept „Delirsensibles Krankenhaus“, das sich an der Uniklinik Magdeburg aktuell in der Umsetzung befindet. Dazu gehört neben der gezielten Schulung und Sensibilisierung des Personals eine umfassende Aufklärung von gefährdeten Patienten und deren Angehörigen.
Der Workshop richtet sich an Pflegefachpersonen, Ärzte und andere Klinikmitarbeiter sowie an (pflegende) Angehörige.
14.00–14.45 Uhr
Sinnesanregungen für Menschen mit dementiellen Erkrankungen
Nancy Busse, M.Sc.
In diesem Workshop stellen wir Ihnen praktische Ansätze zur Aktivierung der Sinne von Menschen mit Demenz vor. Ziel dieser Ansätze ist es, das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Betroffenen zu fördern. Wir beginnen mit einer kurzen Einführung in die Bedeutung von Sinnesanregungen und erläutern deren positive Auswirkungen auf das emotionale und soziale Verhalten. Anschließend werden wir verschiedene Aktivitäten ausprobieren, die unterschiedliche Sinne adressieren, so beispielsweise der Einsatz von Farben, Bildern und Düften, das Erleben von Naturgeräuschen oder die Arbeit mit unterschiedlichen Texturen und Materialien.
Der Workshop bietet Raum für Austausch und Diskussion, sodass Sie Ideen und Erfahrungen mit anderen Teilnehmern teilen können. Hier kann auch besprochen werden, welche Maßnahmen für welches Setting – ob Häuslichkeit, Pflegeheim oder Krankenhaus – geeignet sind.
Der Workshop richtet sich an Pflegefachpersonen, Angehörige und Interessierte, die Menschen mit Demenz unterstützen möchten. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und darauf, gemeinsam neue Wege zur Sinnesanregung zu entdecken!
Vorträge (hybrid)
Konferenzraum des DZNE e. V. (Haus 64)
15.00 Uhr
Begrüßung
Prof. Dr. phil. Bettina Hitzer, Dr. med. Anna Siemens
Klinisches Ethikkomitee der Universitätsmedizin Magdeburg
15.10 Uhr
Täuschungspraktiken und „therapeutische Lügen“ in der Versorgung von Menschen mit Demenz
Prof. Dr. rer. medic. Anke Erdmann
Empirische Studien belegen, dass in der Versorgung von Menschen mit Demenz sowohl im Krankenhaus als auch in der Langzeitpflege Täuschungspraktiken und „therapeutische Lügen“ zur Anwendung kommen. Hier geht es um Praktiken wie zum Beispiel Scheinelemente, wie eine täuschend echte Bushaltestelle, das Verstecken von Medikamenten in Nahrungsmitteln oder auch die Simulation von Präsenz, bei der eine Audioaufnahme die Präsenz eines Angehörigen am Telefon vortäuscht. Auch KI-Avatare von verstorbenen Familienmitgliedern sind zum Zwecke der „Stimulation“ von Menschen mit Demenz in der Entwicklung. Die „therapeutische Lüge“ — definiert als eine in wohlmeinender Absicht mitgeteilte irreführende Nachricht — ist ebenfalls ein gängiges Mittel, etwa um eine Person mit Demenz vor einer für ihn belastenden Wahrheit zu bewahren.
Der Vortrag führt in die Definition von Lüge und Täuschung ein und zeigt einige Beispiele und Intentionen für Lügen und Täuschungen in der Betreuung von Menschen mit Demenz auf. Anhand eines fiktiven Fallbeispiels wird der häufig damit einhergehende ethische Konflikt und eine mögliche Lösung vorgestellt. Die Diskussion konzentriert sich auf Bedingungen, unter denen eine therapeutische Lüge oder eine Täuschung in der Versorgung von Menschen mit Demenz als akzeptabel erscheinen.
15.40 Uhr
Ethische Konflikte in kulturellen Repräsentationen von Demenz
Prof. em. Dr. phil. Henriette Herwig
Die weltweit wachsende Zunahme demenzieller Erkrankungen relativiert unser kognitionsbasiertes Menschenbild und stellt die Gesellschaft vor schwerwiegende medizinische, soziale und ökonomische Probleme. Es überrascht daher nicht, dass sich Literatur und Film dieses Themas angenommen haben. Beide nähern sich dem Thema multiperspektivisch und sind darum eine wichtige Schule des Fremdverstehens. Zahlreiche Fernseh-, Kino- und Dokumentarfilme wie Mein Vater; Die Auslöschung; Amour, Still Alice; The Father sowie Vergiss mein nicht ebenso wie etwa der Text Hirngespinste zeigen ethische Herausforderungen bei der Pflege von Menschen mit Demenz auf. Sie bestätigen damit die schon 2006 von Thomas Klie gegenüber dem Nationalen Ethikrat der BRD formulierte Sorge, dass Überforderung, Abstumpfen, Isolation, Depression und Aggression drohen, wenn Pflegeaufgaben nicht in geteilter Verantwortung bewältigt werden. Der Vortrag möchte in der Auseinandersetzung mit Literatur und Film für mögliche ethische Konflikte bei der Pflege von Menschen mit Demenz sensibilisieren.
16.10 Uhr
Pause mit Getränken und Snacks
Infostände und Firmenausstellungen
16.40 Uhr
Entscheidungsassistenz und Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz
Dr. phil. Matthé Scholten
Die Einwilligung des Patienten stellt eine notwendige Voraussetzung für die Durchführung einer jeglichen medizinischen Maßnahme dar. Es ist dabei ärztliche Aufgabe, im Aufklärungsgespräch zu klären, inwiefern der Erkrankte zur Einwilligung fähig ist. Haben Menschen mit Demenz ihre Einwilligungsfähigkeit grundsätzlich verloren? Zwar gibt es kein allseits akzeptiertes Verständnis dazu, wie Einwilligungsfähigkeit genau zu definieren ist. Dennoch sind sich Experten darin einig, dass die Selbstbestimmungsfähigkeiten im Verlauf einer demenziellen Erkrankung über längere Zeit hinweg erhalten bleiben, wenn auch meist in eingeschränkter Form und individuell auf bestimmte Entscheidungen bezogen.
Im Vortrag werden die Empfehlungen aus dem 2024 veröffentlichten Manual „Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz“ vorgestellt. Das Manual liefert praxisorientierte Handreichungen für Kliniker, um die Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz beurteilen und sie mithilfe von Entscheidungsassistenz ggf. wiederherstellen zu können. Hierbei werden häufige Fehlerquellen in der Beurteilung identifiziert sowie konkrete Vorschläge zur Planung einer Entscheidungsassistenz dargelegt. Das Manual enthält erstmals die international anerkannten Instrumente zur Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit MacCAT-T und MacCAT-CR in vollständiger deutscher Übersetzung.
17.10 Uhr
Der begegnungsorientierte Ansatz für die Interaktion mit Menschen mit Demenz
Sebastian Kraus
In der früheren Pflegekultur und Praxis wurde Kommunikation oftmals vorrangig noch als etwas betrachtet, dass die Durchführung pflegerischer Maßnahmen verbal begleitet. Übersehen wurde aus dieser Perspektive heraus, dass unser situatives Handeln ebenso Teil unserer Kommunikation mit dem Anderen ist. Das begegnungsorientierte Modell ist aus der reflektierten Praxis von Pflegenden heraus auf einem geschlossenen gerontopsychiatrischen Bereich entstanden. Zunächst mit dem Ziel entwickelt, eskalierenden Situationsentwicklungen gegenüber vorzubeugen und den Einsatz von Psychopharmaka zur Verhaltensmodulation zu reduzieren, entstand daraus ein ganzheitlicher Ansatz für die Interaktion und Arbeit mit Menschen mit Demenz. Anders als der personenzentrierte Ansatz, findet das begegnungsorientierte Modell seine wesentlichen Anknüpfungs- und Bezugspunkte in der Kommunikationswissenschaft und Interaktionstheorie. Der begegnungsorientierte Ansatz möchte Pflegende und Betreuende dazu ermutigen, interaktive Handlungsspielräume und Mitteilungsebenen auch dort zu erschließen, wo eine Verständigung über Sprache nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich ist.
17.40 Uhr
Abschlussdiskussion
18 Uhr Ende der Veranstaltung
Referenten
Nancy Busse, M.Sc.
Gerontologin; 2016–2024 wiss. MA im Forschungsprojekt „TEAMSenior in der Praxis“ am Institut für Kognitive Neurologie und Demenzforschung (IKND) des Universitätsklinikums Magdeburg A.ö.R. und DZNE e. V. im Forschungsverbund „Autonomie in Alter“; seit 2025 angestellt im Unternehmen „DeAngelis- Demenzberatung und Angehörigenschulung“ in Magdeburg
Prof. Dr. rer. medic. Anke Erdmann
Krankenschwester, Lehrerin für Pflegeberufe, Projekt- und Qualitätsmanagerin, Pflegewissenschaftlerin; seit 2025 Professur „Chronische Erkrankungen und Langzeitpflege“ in den Gesundheitsstudiengängen der Fachhochschule (FH) Kiel
Prof. em. Dr. phil. Henriette Herwig
Germanistin, Theologin, Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaftlerin; 2003–2022 Professur für „Neuere deutsche Literaturwissenschaft“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Gründungsmitglied des interfakultären Altersforschungsverbunds und Mitglied des Demenz-Netzwerks Düsseldorf
Sebastian Kraus
Altenpfleger, Gerontopsychiatrische und leitende Pflegefachkraft; seit 2025 als Gerontopsychiatrische Fachkraft im Vivantes Wenckebach-Klinikum Berlin sowie freiberuflich als Autor und Fortbildungsdozent tätig
Tim Küster, B. A.
Pflegefachkraft in der internistischen Intensivmedizin, Praxisanleiter, Medizinpädagoge; seit 2023 Mitglied der AG Delir an der UMMD; seit 2024 in der Fachweiterbildung „Anästhesie- und Intensivpflege“
Dr. phil. Matthé Scholten
Philosoph; seit 2016 wiss. MA am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin, Ruhr−Universität Bochum; stellvertretender Projektleiter des Bochumer SALUS-Projektes; Koordinator des internationalen Verbundprojekts VIRTUETHIC; Co-Autor der AMWF S2k-Leitlinie „Einwilligung von Menschen mit Demenz in medizinische Maßnahmen“ und Mandatsträger der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) für die Überarbeitung der AMWF S3-Leitlinie „Verhinderung von Zwang: Prävention und Therapie aggressiven Verhaltens bei Erwachsenen“
Antje Staufenbiel
Fachschwester für Anästhesie und Intensivpflege; Stationsleitung IMC 7/ AITW in der Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie (KAIT) der UMMD; 2023 Mitgründerin der AG Delir an der UMMD